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Vorwort des Herausgebers
Zerrissen - zernagt - zerfallen
Viele Bibliotheken, Archive und Museen stehen vor der gewaltigen Herausforderung, das
schriftliche Kulturgut, das sie aufbewahren und für die Öffentlichkeit bereithalten, sachgerecht
zu erhalten. Schriftquellen sind Zeugnisse menschlichen Denkens und Handelns;
schon aufgrund dieser Eigenschaft erwächst eine besondere Aufgabe hinsichtlich ihrer
Erhaltung für künftige Generationen. Doch sind Handschriften, alte Drucke und Inkunabeln
- die Druckerzeugnisse aus der Frühzeit des Buchdruckes vor 1500 - aufgrund ihres oft
empfindlichen Charakters besonderen Belastungen ausgesetzt. Substanzschäden und
Gebrauchsspuren haben schon heute ein dramatisches Ausmaß erreicht. Nach repräsentativen
Untersuchungen sind etwa 20% - 40% der Sammlungsbestände bereits geschädigt
oder akut gefährdet. Der Prozess des physischen Verfalls, der unter anderem durch Wasser,
Schimmel- und Insektenbefall, unsachgemäße Aufbewahrung, fortschreitende Alterungsprozesse
oder die altersbedingte chemische Veränderung der Papiersubstanz verursacht
wird, schreitet langsam aber stetig voran. Für die Verantwortlichen heute führt dies zu
einem Wettlauf mit der Zeit. Häufig wird diese Gefahr erst zu spät erkannt, so dass wichtige
Bestandteile unseres kulturellen Gedächtnisses in Gefahr sind, unwiderbringbar verloren
zu gehen. So besteht für Schriftquellen aller Art derzeit eine gesteigerte Gefährdungssituation;
es droht der Verlust bedeutender kulturgeschichtlicher Werte.
Vor einigen Jahren hat sich erfreulicherweise die Kulturstiftung der Länder dieser Problematik
des Erhaltens von mobilem Kulturgut mit großem Interesse angenommen. Die sieben
großen wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Hessen und die Stadt- und Universitätsbibliothek
Frankfurt, die allesamt über bedeutende Bestände an Handschriften und
kostbaren alten Drucken verfügen, haben sich daraufhin bereit erklärt, an einem gemeinsamen
Projekt zur Sicherung ihrer Bestände mitzuwirken. Die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-
Thüringen hat die Initiative der Konferenz der Direktorinnen und Direktoren der wissenschaftlichen
Bibliotheken Hessen (HDK) aufgegriffen, die sich der Problematik des vom
Verfall bedrohten Bibliotheksgutes und der Bestandserhaltung angenommen hat.
Die Initiatoren und Herausgeber dieser Broschüre wollen der Öffentlichkeit bewusst
machen, welche Gefahr den bedeutenden Handschriften, Autographen und Altbeständen
in unserem Lande droht, wenn ihre Substanz nicht mehr gesichert werden kann. Daher
haben die Bibliotheksleiterinnen und -leiter ausgewählte Stücke mit erläuternden Texten
versehen, um beispielhaft Problemstellungen und Lösungsansätze vorzustellen. Sie verbinden
dies mit einer Einführung in die gegenwärtigen Aufgaben- und Sammlungsschwerpunkte
der Bibliotheken und ihre Geschichte. So wird ein plastischer Eindruck von diesen
Institutionen vermittelt, die mehr sind als Ausleihstationen und Datenvermittler.
Die Bedeutung von gefährdetem Bibliotheksgut für unser Wissen über die Vergangenheit
aufzuzeigen, ist eine der wesentlichen Aufgaben dieses Buches, mit dem beispielhaft einige
der besonders bedrohten Bücher und Handschriften vorgestellt werden. Der kritische
Zustand der beschriebenen Stücke mit ihrem Sanierungsbedarf soll daran erinnern, dass
sich in den Bibliotheken Einzigartiges befindet, ohne dessen Existenz unser Wissen um die
Geschichte unseres Landes und des menschlichen Denkens letztendlich verloren gehen
würde. Es ist daher von außerordentlich großer Bedeutung, sich der ständigen Aufgabe des
Erhaltes zu stellen.
Es fehlen nicht nur in der heutigen Zeit aufgrund der immensen Restaurierungskosten und
der stark angespannten wirtschaftlichen Situation der öffentlichen Haushalte ausreichende
Mittel, um den gesamten Restaurierungsbedarf der hessischen Bibliotheken abdecken zu
können. Den wissenschaftlichen Bibliotheken will diese Schrift deshalb ein Medium sein,
das Problem der Bestandserhaltung von Handschriften und Rara konkret vorzustellen, und
zur Übernahme von Restaurierungspatenschaften animieren. Insofern sind alle beteiligten
Bibliotheken, und nicht nur diese, auf die Hilfe vieler einzelner Paten angewiesen, die
einen wichtigen Beitrag zu dem existenziellen Anliegen der Initiatoren leisten können.
Die Bibliothekare der beteiligten Institutionen wollen mit ihren fachkundigen Beiträgen
möglichst viele Buchpaten ansprechen und über diese Publikation einen Zugang zu den
Aufgaben ihrer Häuser vermitteln. Es bleibt zu wünschen, dass diese Broschüre ihren Beitrag
leistet, dass Bibliotheken, Archive und Museen auch weiterhin ihren kulturhistorischen
Auftrag erfüllen können und Orte der generationsübergreifenden Verständigung und
Auseinandersetzung bleiben. Schon jetzt Dank an alle diejenigen, die Buchpaten werden
wollen.
Thomas Wurzel
Geschäftsführer der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen
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